Buchbesprechung: Konnersreuth. Ein Fall von Volksverdummung?

Karin Fischer Verlag,. Aachen 1997, ISBN 3-895 14-107-0, 466 Seiten, DM 34,-

besprochen von Irmgard Oepen

Der katholische Theologe und Historiker Hanauer nimmt erneut Stellung zum Thema „Konnersreuther Phänomene". Er berichtet über die aktuelle Diskussion um die 1962 verstorbene Therese Neumann aus dein Oberpfälzer Dorf Konnersreuth, die nach den Vorstellungen des „Konnersreuther Kreises" die Wundmale Christi getragen habe (Stigmatisation) und über viele Jahre „nahrungslos" nur von der Hostie, dem heiligen Brot, gelebt haben soll, sowie über den Stand des von ihren Anhängern angestrebten Seligsprechungsprozesses. Im selben Jahr wie Hanauers Ausführungen zu „Lug und Trug mit kirchlichem Segen" (s. Skeptiker 1/95, S. 34) sind zwei Abhandlungen erschienen: „Das Zeichen von Konnersreuth" von Günther Schwarz und „Therese Neumann von Konnersreuth oder die Herausforderung, des Satans" von Johannes Bekh. In diesen Büchern werde, wie es 1995 im „Therese-Neumann-Brief" Nr. 7 heißt, erfolgreich an der Darstellung einer „historisch-kritischen Vita" der Stigmatisierten gearbeitet dies sei „unbedingte Voraussetzung für die Eröffnung des Informationsprozesses". eines Verfahrens, das den Seligsprechungsprozess einleiten soll. Demnach erfüllen bisherige, vom Regensburger Bischof Graber bald nach Thereses Tod in Auftrag gegebene Schriftsätze (S. 357) diesen Anspruch nicht. Hanauer stellt fest, dass die „Konnersreuther Mystiker" auch in den neuen Veröffentlichungen „unentwegt wahrheitswidrig informieren". Er setzt daher seinen „Kampf gegen den von kirchlichen Kreisen Geduldeten und geforderten Aberglauben und eine unausrottbare Wundersucht" fort, für den er diesmal noch deutlichere Worte findet: „Kampf gegen eine offensichtliche Volksverdummung" (S. 10). Die vorliegende Schrift enthält neben bekannten Beobachtungen und Dokumentation die u. a. den mit der Sachlage nicht vertrauten Leser in die Problematik einführen, auch „Tatsachen man nenne sie ruhig Enthüllungen - ... die zum Teil erst jetzt ans Licht der Öffentlichkeit" gelangen konnten, weil sie von „interessierten Kreisen" bisher zurückgehalten oder verschwiegen wurden (S. 11). Hanauer hat seine Ausführungen in 1065 Anmerkungen und einem ausführlichen Literaturverzeichnis minuziös belegt. Der Anhang enthält Briefe im Originaltext von Therese Neumann, ihrem Vater Ferdinand Neumann, dein Ortspfarrer Naber und den Bischöfen von Regensburg. Sie vermitteln dein Leser ein anschauliches Bild von der verbissenen bis fanatischen Haltung der Neumanns und des Pfarrers einerseits und den inkonsequenten, zum Teil hilflosen Bemühungen der Bischöfe um Aufklärung der angeblich übernatürlichen Ereignisse andererseits (S. 367 bis 429). Die „Gläubigen" der angenommenen „wunderbaren" Vorkommnisse wollen vor allem die von mehreren Ärzten gestellte Diagnose Thereses, „schwere Hysterie", die zunächst mit Blindheit und Lähmungen einherging (S. 27, 33, 47 bis 56) nicht akzeptieren. Hierbei ist zu bedenken, dass es sich bei Hysterie um ein (behandlungsbedürftiges) krankhaftes Verhalten handelt, für das Betroffene nicht voll verantwortlich gemacht werden können. Aufschlussreich ist auch das sogenannte „stellvertretende Leiden" (S. 21 3 bis 220), mit dem die Stigmatisierte andere Menschen von ihren gesundheitlichen Beschwerden befreien könne, sowie das angebliche „Sühneleiden" (S. 221 bis 226), in dem sie für Verfehlungen von Menschen büße, die z. B. durch „Unglauben", „Fastnachtssünden" oder Trunksucht schuldig geworden seien. Von diesen Leiden gesundete Therese oft plötzlich, wenn „die Person, für die sie litt, die erflehte Gnade erhalten hatte" (S. 221 ). Bedenken kamen - und kommen auch heute den „Konnersreuther Mystikern" nicht, als Therese in der Folge eines „Sühneleidens" erbrach und das Erbrochene nach Bier und Branntwein roch. Hanauer kommentiert: „Niemand erbricht alkoholischen Fusel, wenn er ihn nicht zuvor getrunken hat. Nun hat aber Therese behauptet, sie lebe total nahrungslos. Wie kam dann der Schnaps in den Magen?" (S. 225). Es erscheint für Unvoreingenommene unverständlich, dass Therese so viele Menschen, darunter auch Priester und sogar Bischöfe, durch ihre theologisch unsinnigen Behauptungen beeindrucken konnte. So glaubte man ihr, dass mehrfach eine Hostie aus der Kirche zu ihr in die Wohnung geflogen sei, einmal sogar über eine größere Entfernung in eine andere Ortschaft (S. 256/257). Sie gab auch Auskunft darüber, ob bestimmte Verstorbene zunächst im Fegefeuer angekommen seien und gegebenenfalls, wie lange sie dort büßen müssten (S. 231 bis 236). Die Gläubigkeit ihrer Anhänger ging so weit, dass man die Stigmatisierte wie ein Orakel auch in weltlichen Angelegenheiten um Rat fragte. Dass es hierbei auch zu Reinfällen kam als z.B. illegale Geschäftspraktiken einen anderen Verlauf nahmen, als nach den „Weisungen" (S. 207) erwartet wurde, wie bei dem „Traunsteiner Weinschieberprozess" (S. 205 bis 211) - hat die Treue ihrer Anhänger nicht erschüttert.

Wie steht es bei dieser Sachlage mit dem geplanten Selisprechungsprozess Bischof Michael Buchberger begründete 1929 seine unschlüssige Haltung in einer Ansprache so: „Welcher Schaden würde erwachsen für die Kirche, wenn man zunächst von Wundern von Konnersreuth reden und ausposaunen würde und hernach zurückrufen müsste." (S. 356). Sein Nachfolger Rudolf Graber hatte weniger Skrupel. Er machte klar, dass er den Seligsprechungsprozess anstrebe und gab den Auftrag für die entsprechende Auswertung von Dokumenten und Zeugenaussagen (S. 356/357). Grabers Nachfolger Manfred Müller überraschte 1987, als er durch seinen Weibbischof verkünden ließ, die Kirche müsse im Vorfeld eines eventuellen Prozesses das vorhandene Material sammeln, archivieren und überprüfen und alle noch lebenden Zeugen vernehmen, so als sei bisher noch gar nichts in dieser Hinsicht geschehen. 1994 schließlich war ein Argument zu vernehmen, das die Zögerlichkeit des Bischofs erklärt. Bei der Jahresversammlung des „Konnersreuther Rings" sei betont worden, die Seligsprechung, der Therese Neumann werde erst möglich sein, „wenn Hanauer Wort für Wort widerlegt ist": dies könne jedoch „nur nach der Methode von Dr. Günther Schwarz geschehen", dem eingangs zitierten Autor des Buchs „Das Zeichen von Konnersreuth". Mit diesem Urteil, so Hanauer, sei - ohne dass es bemerkt worden sei - die Versicherung abgegeben worden, dass eine Seligsprechung unmöglich sei. Die „Konnersreuther" freilich, fährt Hanauer fort, werden nicht locker lassen, obwohl ihnen seit 1982 bekannt dass von Seiten der zuständigen kirchlichen Behörden in Rom abgewinkt worden ist. Es sei zu erwarten, dass der hundertste Geburtstag, Therese Neumanns 1998 gebührend gefeiert werde, auch dass Sich der Regensburger Bischof beteiligen werde. Aber die zu erwartende Verlautbarung werde sicherlich keine Entscheidung sein, meint Hanauer, sondern nur die Wiederholung der bekannten Vertröstung: „Das kann noch lange dauern." Dies sei gleichbedeutend mit: „Die Volksverdummung geht weiter" (S. 362). Zwar heiße es, das kirchliche Lehramt stehe unter der Leitung des Heiligen Geistes. Bei nicht wenigen Erscheinungen der „Mystik" vermöge man aber sein Wirken beim besten Willen nicht zu entdecken (S. 363).

Irmgard Oepen

mit freundlicher Genehmigung der Autorin, Erstpublikation in Skeptiker 12 3/99 S.130-131


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Letzte Änderung: 19. August 1999