Das "Dritte Geheimnis von Fatima" kommentiert und demaskiert

von Dr. Josef Hanauer

Regensburg 2001 Eigenverlag


Das "Große Geheimnis von Fatima" - seit dem Jahr 1941 kennen wir diesen Begriff. Die Muttergottes soll es bereits am 17. Juli 1917 in drei Teilen geoffenbart haben. Aber davon hat die wichtigste Seherin von Fatima, Schwester Lucia, Jahrzehnte hindurch nichts verlauten lassen. Erst im Jahr 1941 hat sie die ersten zwei Teile des Geheimnisses verraten. Das Dritte Geheimnis hat sie drei Jahre später schriftlich festgehalten; aber der Inhalt blieb unbekannt - bis zum Jahr 20001.

Entstehungsgeschichte des "Großen Geheimnisses":

Wie bekannt, soll die Muttergottes während des Ersten Weltkrieges drei Hirtenkindern von Fatima, Lucia Santos und den Geschwistern Jacinta und Francisco Martos, wiederholt erschienen sein. Die wichtigsten Erscheinungen sollen im Jahr 1917 stattgefunden haben, und zwar jeweils am 13. Tag von sechs Monaten Darüber und über viele andere wunderbare Ereignisse wurde immer wieder die Öffentlichkeit informiert, aber von einem Großen Geheimnis war nicht die Rede.

Die Geschichte des Großen Geheimnisses beginnt erst im Jahr 1941, mit dem Jahr, in dem sich die noch lebende Seherin Lucia daran "erinnerte". Dies wäre nicht geschehen, wäre nicht von außen her ein Anstoß erfolgt. Die Anregung kam mehrmals, und zwar immer von der vorgesetzten kirchlichen Behörde, aber nicht deshalb, weil diese bisher verschwiegene Geheimnisse vermutete.

Im Jahr 1935 wurde Lucia aufgefordert, sie möge alles niederschreiben, was sie über Jacinta Martos zu berichten wisse. Vierzehn Tage war sie bei der Arbeit; am Weihnachtsfest war sie mit der "Ersten Erinnerung" fertig. Dabei machte sie Andeutungen, dass sie nicht ihr ganzes Wissen preisgegeben habe. Sie gab an, sie wolle "einige Dinge zurückhalten", von denen sie wünsche, "dass sie erst an der Schwelle der Ewigkeit gelesen werden". Diese Bemerkung machte ihren Bischof neugierig. Er forderte sie auf, alles bis ins kleinste aufzuschreiben, was sie bisher als Geheimnis gehütet habe. Sie tat es. Vierzehn Tage brauchte sie, bis sie am 21. November 1937 ihre "Zweite Erinnerung" vollendet hatte. In den Aufzeichnungen ist nie von einem Geheimnis die Rede.

Vier Jahre später forderte der Bischof Lucia wiederum auf, sie solle "weitere Erinnerungen an Jacinta" auffrischen und niederschreiben, "was ihr noch in Bezug auf Jacinta einfallen" sollte. Mehr hat er nicht verlangt. Lucia erfüllte den Auftrag des Bischofs mit Freude. Am 31. August 1941 brachte sie die "Dritte Erinnerung" zum Abschuss. Diesmal enthüllte sie eine Reihe von "Geheimnissen", vor allem zwei Teile des "Großen Geheimnisses", wozu das "Kapitel über die Hölle" gehört.

Nun war die kirchliche Obrigkeit erst so richtig wissbegierig geworden. Der Bischof von Leiria- Fatima ließ Lucia eine Reihe von Fragen vorlegen, die sie beantworten sollte. Lucia schrieb auftragsgemäß ihre "Vierte Erinnerung" nieder, und zwar in zwei "Heften". Das erste wurde am 5. November 1941 vollendet, das andere am 8. Dezember. Einige Jahre darauf griff Lucia noch einmal zur Feder. Sie verfasste den dritten Teil des am angeblich 13. Juli 1917 mitgeteilten Geheimnisses. Mit der Formulierung des Textes wurde sie am 4. Januar 1944 fertig. Auch diesmal ist die Anregung zum Schreiben von der kirchlichen Obrigkeit ausgegangen, wie aus dem ersten Satz des Schriftstücks hervorgeht: "Ich schreibe aus Gehorsam gegen Euch, meinem Gott, der es mir aufträgt, durch Seine Exzellenz, den Hochwürdigsten Herrn Bischof von Leiria, und durch Eure und meine allerheiligste Mutter.“

Ohne Zweifel hätte Lucia nie ihre "Geheimnisse" entdeckt, hätte man sie nicht immer wieder zum Schreiben aufgefordert. Ich wiederhole, was ich zu diesem Thema in meinem Buch MUTTERGOTTES-ERSCHEINUNGEN" Seite 134 geschrieben habe:

"Lucia offenbart in ihren Niederschriften laufend neue Geheimnisse. Sie hätte ohne Zweifel noch andere unbekannte Ereignisse berichtet, wäre man weiter in sie gedrungen. Wir stehen vor einem geradezu klassischen Beispiel, wie durch anhaltendes 'Befragen' und die eindringliche Beschäftigung mit einer Visionärin seitens geistlich-autoritativer Seite von einer Phantastin immer wieder neue geheimnisvolle Dinge produziert werden. Dabei ist zu erkennen, dass die Darstellung laufend 'reicher' und 'blühender' wird. Dass es sich bloß um frei Erfundenes handelt, ist geradezu mit Händen zu greifen. Es wurde hier in Fatima derselbe schwere psychologische Fehler begangen wie in ähnlichen Fällen. Je mehr Geltungssüchtigen Beachtung geschenkt wird, um so wohler fühlen sie sich in ihrer Rolle; das Schlimmste geschieht, wenn man sie auf einen Sockel stellt."

Das "Große Geheimnis" von 1941/1944:

Unter den drei Seherkindern des Jahres 1917 spielte bei allen "wunderbaren" Ereignissen stets Lucia die Hauptrolle. Sie allein führte die Gespräche mit der Muttergottes; Jacinta war nur Augen- und Ohrenzeugin; Francisco "sah" in der Regel, was sich ereignete, aber er härte lediglich, was Lucia sprach. Der Autor Kondor schreibt, Lucia habe immer eine Sonderstellung eingenommen, die "Erscheinung" habe allein mit ihr gesprochen, sie allein habe "von ihr eine Botschaft" erhalten, "welche erst in Zukunft" weitergeleitet werden sollte2. Was wussten Jacinta und Francisco vom "Großen Geheimnis"? Was die drei Hirtenkinder am 13. Juli 1917 "erlebt" haben sollen, darüber gibt es keine glaubwürdigen Angaben. Auf keinen Fall handelte es sich um das später als "Großes Geheimnis" verbreitete Märchen, das von Lucia erst in den Jahren 1941 und 1944 "geschaut" bzw. "vernommen" und auf den 13. Juli 1917 zurückdatiert wurde. In der im Jahr 1941 angefertigten "Vierten Erinnerung" behauptet sie zwar, auch Jacinta habe die Worte der Muttergottes vernommen, aber das ist auch schon der einzige "Beweis".

Wie Lucia behauptete, hat die Muttergottes unmittelbar nach der Verkündigung des "Großen Geheimnisses" den beiden Mädchen geboten: "Davon sagt niemandem etwas, Francisco dürft ihr es mitteilen." Im gleichen Sinn hat sich am 11. Oktober 1917 Jacinta während eines Verhörs, das Dr. Formigao vorgenommen hat, geäußert. Sie gab an, auch sie habe das Geheimnis aus dem Mund der Muttergottes vernommen, und sie bestätigte die Worte Lucias, die Erscheinung habe ausdrücklich verboten, das Geheimnis zu offenbaren. Aber um welches Geheimnis hat es sich damals gehandelt?

Auf jeden Fall hat es nichts mit dem zu tun, was Lucia Jahrzehnte später erzählt hat. So oft sie in den "Erinnerungen", die sie vor 1941 verfasst hat, von Geheimnissen spricht, geschieht dies jedesmal mit Worten, die lediglich private Dinge betreffen. Andeutungen, welche die Seherkinder bei den verschiedenen Verhören gemacht haben, lassen ebenfalls nur private Dinge vermuten. Der Autor Ludwig Fischer schrieb im Jahre 1937: "Auf Grund der Äußerungen der Hirtenkinder, namentlich Hyazinthas, ... steht fest, dass es alle drei betraf." Jacinta erklärte ausdrücklich: "Es ist für alle drei von Nutzen"3. Ähnlich versicherte Lucia. Es betrifft "alle drei". Francisco, der sich auf Lucia berief, weil er selber die Worte der Muttergottes nicht vernommen hatte, sagte, das Geheimnis diene "dem Nutzen seiner eigenen Seele, dem der Lucia und dem der Jacinta"4.

Zum selben Schluss, dass es sich um private Dinge handelte, kam im Jahr 1931 auch Fonseca, als er erklärte, Maria habe den Kindern ein "persönliches Geheimnis" offenbart5. Was Lucia aber vom Jahr 1941 an aufgezeichnet hat, hat nicht Offenbarungen zum Inhalt, die sich nur auf die drei Seherkinder beziehen, es sind nicht Geheimnisse, die Lucia "für das ewige Leben" aufbewahren musste.

Es steht fest Lucia hat bis zum Jahr 1941 selber vom "Großen Geheimnis" nichts gewusst.

Dritter Teil des Großen Geheimnisses:

Der Wortlaut des "Dritten Geheimnisses" war zwar bis zum Jahr 2000 nicht bekannt, aber einige Angaben sind doch durchgesickert, und zwar auf Grund von entsprechenden Hinweisen Lucias. Im Jahr 1946 hat sie gesagt, der Text werde im Jahr 1960 bekannt gemacht. Als Begründung gab sie an: "Weil die Heilige Jungfrau es so will." Ähnlich hat sie im Jahr 1955 Kardinal Ottaviani informiert: "die Botschaft" werde vor 1960 nicht bekannt gegeben, "weil sie dann klarer scheinen wird".

Trotzdem erfuhr die Öffentlichkeit bereits vor 1960 einige Angaben über den Inhalt des "Geheimnisses". Am 26. Dezember 1957 hatte Dr. Augustin Fuentes, Priester der mexikanischen Erzdiözese Veracruz und Römischer Postulator im Selbstklärungsprozess der Seherkinder von Fatima Francisco und Jacinta Martos, in Coimbra eine Unterredung mit Schwester Lucia. Im Frühjahr 1959 veröffentlichte er einen Aufsatz, in dem er erklärte, er habe "eine äußerst interessante Botschaft" zu vermitteln. Er versicherte, Lucia habe ihm gesagt: "Glauben Sie, Father, Gott wird die Welt strafen, und zwar auf schreckliche Art und Weise Das Strafgericht steht bevor. Father, das Jahr 1960 ist nicht mehr fern, und was dann geschehen wird, wird sehr traurig sein für alle und durchaus nicht freudig, wenn die Welt bis dahin nicht betet und Buße tut. Ich kann nicht auf weitere Einzelheiten eingehen, da es noch ein Geheimnis ist, das nach dem Willen der Seligsten Jungfrau nur dem Heiligen Vater und dem Bischof von Fatima bekannt gegeben werden darf, und beide wollen es nicht kennen lernen, um nicht davon beeinflusst zu werden. Es ist der dritte Teil der Botschaft Unserer Lieben Frau, die ein Geheimnis bleiben soll bis zum Jahre 1960. Sagen Sie ihnen, Father, dass die Seligste Jungfrau meinem Vetter Francisco und meiner Cousine wie mir sehr oft gesagt hat, viele Nationen würden von dem Antlitz der Erde verschwinden und Russland würde das Werkzeug der Strafe des Himmels für alle werden, wenn wir vorher nicht die Bekehrung dieser unglücklichen Nation herbeiführen würden."6

Die Veröffentlichung erregte begreiflicherweise großes Aufsehen. Lucia hat in ihrer Verlegenheit erklären lassen, der Bericht sei unwahr. Daraufhin wiederholte und bekräftigte Fuentes am 26. Dezember 1959 seine Aussagen. Er versicherte, bei jener Unterredung mit Lucia am 26. Dezember 1957 habe er das Gespräch lediglich auf das Leben und die Heiligkeit ihrer verstorbenen Verwandten gebracht; Lucia sei, ohne dass er ihr "die geringste Veranlassung" gegeben habe, von sich aus auf den dritten Teil des Geheimnisses von Fatima zu sprechen gekommen7.

Es ist klar, einer von den Gesprächspartnern hat gelogen. Wenn man vergleicht, wie Lucia sich früher ausgedrückt hat und mit welchen Worten sie in der 1941 aufgezeichneten Botschaft vom "Großen Geheimnis" über Katastrophen spricht, dann erkennt man, dass ihre Worte Fuentes gegenüber nur eine Abwandlung früherer Aussagen sind. -Wie reagierte die kirchliche Obrigkeit auf die Veröffentlichung der Unterredung zwischen Fuentes und Lucia? - Fuentes wurde als Postulator abgesetzt!

Das Jahr 1960 kam und verging -die Öffentlichkeit erfuhr nichts von dem Inhalt des Dritten Geheimnisses von Fatima. Alle, die von 1960 an Einblick genommen haben, hüllten sich in Schweigen. Als erster hat den Text Papst Johannes XXIII. gelesen, und zwar im Beisein einiger kirchlicher Würdenträger, wozu Kardinal Ottaviani gehörte. Der Papst hat nach der Einsichtnahme "entschieden, den versiegelten Umschlag an das Heilige Offizium zurückzuschicken und den dritten Teil des 'Geheimnisses' nicht zu offenbaren"8.

Sein Nachfolger Papst Paul VI. "hat den Inhalt gemeinsam mit dem Substituten Seiner Exzellenz Angelo Dell' Acqua am 27. März 1965 gelesen und den Umschlag an das Archiv des Heiligen Offiziums mit der Entscheidung zurückgesandt, den Text nicht zu veröffentlichen"9.

"Johannes Paul II. hat seinerseits den Umschlag mit dem dritten Teil des 'Geheimnisses' nach dem Attentat vom 13. Mai 1981 erbeten. Seine Exzellenz, der Kardinalpräfekt der Kongregation, Franjo Sepers, übergab am 18. Juli 1981 an Seine Exzellenz Eduardo Martinez Somalo, den Substituten des Staatssekretariats, zwei Umschläge: einen weißen mit dem Originaltext von Schwester Lucia auf portugiesisch ... Am darauf folgenden 11. August hat Msgr. Martinez die beiden Umschläge dem Archiv des Heiligen Offiziums zurückgegeben."10

Inhaltsangaben nach 1960:

Nur wenige von denen, die neben den Päpsten den Inhalt des Dritten Geheimnis kannten, haben darüber andeutungsweise gesprochen. Kardinal Ottaviani erklärte im Jahr 1967, das Schreiben sei "in der Art einer Prophetie" abgefasst, "also in Worten, die einer Auslegung bedürfen". Am 11. November 1967 hat er sich so geäußert. "Wenn es aber ein Geheimnis ist, wie kann man seine Offenbarung beanspruchen?" Der Kardinal hat übersehen, dass die "Muttergottes" die "Entschleierung" angeordnet hatte.

Ob in der Zeit zwischen 1960 und 2000 einmal ein Bischof von Leiria-Fatima das Schriftstück lesen durfte, ist ungewiss. Gelegentliche Äußerungen geben keine verlässliche Auskunft. Am 16. November 1966 erklärte der damalige Bischof von Fatima im Kölner Dom: "Die Botschaft ist wesentlich eine mütterliche Botschaft, im Dienst der Erneuerung der Seelen. Fatima gibt nicht den falschen Propheten eingebildeter Weltkatastrophen recht. Fatima kann sich nicht auf das Niveau sensationslüsterner Verkünder furchtbarer Kriege herablassen." Am 14. Januar 1967 sagte der Bischof über den Inhalt des Dokumentes. "Die Botschaft ist keine Botschaft des Todes, kein Appell zur Panik und zum Schrecken. Sie ist eine Aussage im Sinne der Bestätigung des Lebens und der Hoffnung."

Im September 1984 erklärte dann der Bischof in Wien. "Der Inhalt betrifft ...unseren Glauben."

Bemerkenswert ist, was Kardinal Ratzinger vor dem Jahr 2000 zum Inhalt des Dritten Geheimnisses gesagt hat. Zum ersten Mal hat er sich dazu im Jahr 1984 geäußert. Damals begründete er die Geheimhaltung mit den Worten, man wolle eine Verwechslung von religiösen Prophezeiungen und Sensationshascherei vermeiden. Das andere Mal gab er an, nach Ansicht der Päpste sei in dem Fatima-Geheimnis nichts enthalten, was ein Christ nicht ohnehin aus der Offenbarung wisse, das schließe einen radikalen Ruf nach Umkehr ein. Schließlich erklärte er auch, der Inhalt des Geheimnisses decke sich mit der HI. Schrift und sei bei vielen anderen Marienerscheinungen wiederholt worden.

Aber all diese Argumente gehen an der Wirklichkeit vorbei. Wie verwechselt man denn Prophezeiungen mit Sensationshascherei? Dieser wird ja der Boden entzogen, wenn man den Schleier des Geheimnisses beseitigt. Was beispielsweise der Text über den "Bischof in Weiß" sagt, wissen wir nicht aus der Offenbarung. Zudem, wenn wir schon alles aus der Offenbarung wissen, warum dann diese Geheimnistuerei mit einer "Privatoffenbarung"? Im übrigen muss auch an dieser Stelle wiederholt werden: Warum hat denn die Muttergottes die Entschleierung des Geheimnisses für das Jahr 1960 verlangt und warum wurde ihr Verlangen missachtet, obwohl wir schon alles vorher gewusst haben?

Lucia nach 1960:

Die Seherin Lucia war es, die einige Jahre nach der Aufzeichnung des Dritten Geheimnisses von Fatima versichert hat, dem Willen der Muttergottes gemäß werde im Jahr 1960 die "Entschleierung" erfolgen. Das geschah jedoch nicht. Das kirchliche Lehramt hüllte sich beharrlich in Schweigen. Erst 25 Jahre später spielte das Thema wieder in der Öffentlichkeit eine Rolle. Im Mai 1985 weilte Kardinal Oddi in Fatima. Bei dieser Gelegenheit besuchte er Schwester Lucia und unterhielt sich eine Stunde lang mit ihr. Er fragte sie, ob sie mit Papst Johannes Paul II. über das dritte Geheimnis gesprochen habe. Sie gab zur Antwort: "O, natürlich, wir haben lange gesprochen." Der Kardinal fragte weiter: "Und was haben Sie und der Papst entschieden?" Die Antwort lautete: "Es nicht zu veröffentlichen." Als Begründung gab sie an: "Weil es falsch verstanden werden könnte."

Auch neun Jahre nach dem Attentat auf den Papst dachte man in Rom noch nicht daran, das Geheimnis preiszugeben. Am 11. Oktober 1992 hat sich Lucia wieder einmal-geäußert. Während eines Gesprächs mit Kardinal Padiara erwähnte dieser das Geheimnis. Lucia gab die Auskunft, "der Inhalt sei an den Papst und die nächste Umgebung gerichtet gewesen; er sei ihr und dem Heiligen Vater bekannt; Unsere Liebe Frau wünsche nicht, dass dieses Geheimnis veröffentlicht werde; auch der Papst sollte es nicht tun; wenn er sich dazu entschließen sollte, sollte er es mit großer Klugheit tun."

So sagte Lucia im Jahr 1992; aber wie verhielt es sich wirklich? Vor dem Jahr 1960 hat Lucia zu wiederholten Malen erklärt, das "Dritte Geheimnis" würde im Jahr 1960 "entschleiert"; vorher, so betonte sie, dürfe der Text nur vom HI. Vater und dem Bischof von Fatima-Leiria gelesen werden; diese aber, so sagte die Seherin, wollten "es nicht kennen lernen, um nicht davon beeinflusst zu werden"11.

Am 27. April 2000 führte Erzbischof Tarcisio Bertone ein Gespräch mil Schwester Lucia. Er stellte ihr die Frage. "Warum gibt es das Datum 1960? Hat die Madonna dieses Datum angegeben?" Sie antwortete:
"Es war nicht die Dame, sondern ich habe 1960 als Datum gesetzt, weil man es -wie ich spürte -vor 1960 nicht verstehen würde. Man würde es nur danach verstehen. Nun kann man es besser verstehen. Ich habe das geschrieben, was ich gesehen habe. Mir steht die Deutung nicht zu, sondern dem Papst."
Was soll man dazu sagen? Lucia hat eingestanden, dass sie früher immer wieder gelogen hat. Eine Anwärterin auf den amtlich verliehenen Heiligenschein hat wohl das Recht zu lügen?

Der Wortlaut des Geheimnisses:

Seil dem 26. Juni 2000 ist das Dritte Geheimnis von Fatima kein Geheimnis mehr. Der Wortlaut wurde bekannt gegeben und zusammen mit einem von Kardinal Josef Ratzinger verfaßten Kommentar verbreitet:

"J.M.J.
Der dritte Teil des Geheimnisses, das am 13. Juli 1917 in der Cova da Iria, Fatima, offenbart wurde. Ich schreibe aus Gehorsam gegenüber Euch, meinem Gott, der es mir aufträgt, durch seine Exzellenz, den Hochwürdigslen Herrn Bischof von Leiria, und durch Eure und meine allerheiligste Mutter.
Nach den zwei Teilen, die ich schon dargestellt habe, haben wir links von Unserer Lieben Frau etwas oberhalb einen Engel gesehen, der ein Feuerschwert in der linken Hand hielt; es sprühte Funken, und Flammen gingen von ihm aus, als sollten sie die Weil anzünden; doch die Flammen verlöschten, als sie mit dem Glanz in Berührung kamen, den Unsere Liebe Frau von ihrer rechten Hand auf ihn ausströmte: den Engel, der mit der rechten Hand auf die Erde zeigte und mit lauter Stimme rief: Buße, Buße, Buße! Und wir sahen in einem ungeheuren Licht, das Gott ist: 'etwas, das aussieht wie Personen in einem Spiegel, wenn sie davor vorübergehen' einen in Weiß gekleideten Bischof' wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war'. Verschiedene andere Bischöfe, Priester, Ordensmänner und Ordensfrauen einen steilen Berg hinaufsteigen, auf dessen Gipfel sich ein großes Kreuz befand aus rohen Stämmen wie aus Korkeiche mit Rinde. Bevor er dort ankam, ging der Heilige Vater durch eine große Stadt, die halb zerstört war und halb zitternd mit wankendem Schritt, von Schmerz und Sorge gedrückt, betete er für die Seelen der Leichen, denen er auf seinem Weg begegnete. Am Berg angekommen, kniete er zu Füßen des großen Kreuzes nieder. Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen. Genauso starben nach und nach die Bischöfe, Priester, Ordensleute und verschiedene weltliche Personen, Männer und Frauen unterschiedlicher Klassen und Positionen. Unter den beiden Armen des Kreuzes waren zwei Engel, ein jeder hatte eine Gießkanne aus Kristall in der Hand. Darin sammelten sie das Blut der Märtyrer auf und tränkten damit die Seelen, die sich Gott näherten.
Tuy-3-1-1944"12

So lautet also der dritte Teil des Großen Geheimnisses, das die Muttergottes am 13. Juli 1917 den drei Hirtenkindern von Fatima bekannt gegeben haben soll. Bei diesem wie beim ersten Teil wurde das Geheimnis in einer Vision, in einem Schauen vermittelt, beim zweiten Geheimnis handelte es sich um eine Audition, um ein Hören.

Der Inhalt des ganzen Geheimnisses besteht im Wesentlichen in einer Drohbotschaft. Der dritte Teil ist eine Wiederholung mit anderen Worten von dem, was bereits im zweiten Teil enthalten ist. Das hat Lucia selber in ihrem Brief vom 12. Mai 1982 an Papst Johannes Paul II. ausgesprochen: "Der dritte Teil des Geheimnisses bezieht sich auf die Worte Unserer Lieben Frau." Sie meint damit die Worte: "Wenn man auf meine Stimme hört, wird Russland sich bekehren und es wird Friede sein; wenn nicht, wird es seine früheren Irrtümer über die Welt verbreiten, wird Kriege und Kirchenverfolgungen heraufbeschwören; die Guten werden gemartert werden, der Heilige Vater wird viel zu leiden haben, verschiedene Nationen werden vernichtet." -In diesem Zusammenhang darf darauf hingewiesen werden, dass Lucia von Russland spricht, aber den Bolschewismus meint. Die Kommunisten waren aber am 13. Juli 1917 noch gar nicht an der Macht; sie konnten also auch nicht ihre "früheren Irrtümer" verbreiten. Auch dieser Text beweist eindeutig, dass es sich bei der "Vision" nicht um eine Voraus-, sondern um eine Rückschau handelt. Soweit ein Blick in die Zukunft vorliegt, ist es nichts anderes als die in Worte gefasste Furcht vor weiteren schlimmen Ereignissen, vor denen sich während des Zweiten Weltkrieges allgemein die Menschen fürchteten.

Damit sind wir bei der Frage nach den Quellen von Lucias Schauungen. Die eine besteht im eigenen Erleben als Zeitgenossin. Noch wichtiger aber war eine andere Quelle: eine "mystische" Literatur, die ihr sicherlich in ihrem Kloster zur Verfügung stand. Daran hat auch Kardinal Ratzinger gedacht. Er sagt: "Der Schluß des Geheimnisses erinnert an Bilder, die Lucia in frommen Büchern gelesen haben mag." Damit meint er den letzten Satz des Textes: "Unter den beiden Armen des Kreuzes waren zwei Engel, ein jeder hatte eine Gießkanne aus Kristall in der Hand. Darin sammelten sie das Blut der Martyrer auf und tränkten die Seelen, die sich Gott näherten." Der Kardinal nennt noch eine weitere Lektüre-Quelle Lucias. Er sagt: "Der Engel mit dem Flammenschwert zur Linken der Muttergottes erinnert an ähnliche Bilder der Geheimen Offenbarung." Er hätte darüber hinaus auch auf die "Cherubim mit flammendem zuckendem Schwert" der Paradies-Erzählung hinweisen können.

Wenn zugegeben werden muss, dass Lucia ihre Schauungen der Hl. Schrift und "frommen Büchern" entlehnt hat, dann bedeutet dies: Die von der "Seherin" geschilderten "Geheimnisse" können nicht im Jahr 1917 entstanden sein; denn damals war sie noch nicht fähig, Schriften zu lesen.

Kardinal Ratzingers Kommentar:

Im Jahr 1992 hat Schwester Lucia verlangt, das Dritte Geheimnis dürfe vom Papst, wenn überhaupt, nur mit großer Klugheit bekannt gegeben werden. Dieser Aufgabe hat sich Kardinal Ratzinger unterzogen; er verfasste den KOMMENTAR ZUM GEHEIMNIS VON FATIMA, der zusammen mit dem Wortlaut des Dritten Geheimnisses verbreitet wurde. Auf das, was er über die Themen "Öffentliche Offenbarung und Privatoffenbarungen -ihr theologischer Ort" und "Die anthropologische Struktur der Privatoffenbarungen" geschrieben hat, braucht nicht ausführlicher eingegangen zu werden. Nur sein "Versuch einer Auslegung des Geheimnisses von Fatima" sei etwas eingehender betrachtet.

Die Veröffentlichung des "Geheimnisses" hängt mit zwei Ereignissen zusammen: mit der Seligsprechung der beiden Hirtenkinder Jacinta und Francisco sowie mit dem Attentat auf Papst Johannes Paul II. Die Seligsprechung bedeutet, wenn auch gelegentlich anders argumentiert wird, zugleich eine Versicherung, dass die Muttergottes-Erscheinungen von Fatima als Tatsachen anzuerkennen sind.
Das Attentat wurde am 13. Mai 1981 verübt. Damals und in den folgenden Jahren hörte man nie etwas davon, dass sich das Dritte Geheimnis von Fatima erfüllt habe. Die Erleuchtung, dass der wichtigste Teil der Vision, der "Kern des Geheimnisses", in Erfüllung gegangen sei, reifte erst im Laufe der Jahre: "Wir sahen ...einen in Weiß gekleideten Bischof -wir hatten die Ahnung, dass es der Heilige Vater war -einen steilen Berg hinaufsteigen ...Da wurde er von einer Gruppe von Soldaten getötet, die mit Feuerwaffen und Pfeilen auf ihn schossen."
Diesen Text deutet Kardinal Ratzinger also:

"Auf der Straße der Martyrer wird in der Vision auch der Papst ermordet. Mußte der Heilige Vater, als er sich nach dem Attentat vom 13. Mai 1981 den Text des dritten Geheimnisses vorlegen ließ, darin nicht sein eigenes Schicksal erkennen?" Doch hätte es sich um eine echte Vision gehandelt, dann hätte sich der Papst keine Gedanken mehr über Echtheit oder Unechtheit machen können. Vom Kern des Textes, der als Voraussage des Papst-Attentates gedeutet wird, ist in Wirklichkeit gar nichts in Erfüllung gegangen: Das Attentat wurde nicht von mehreren Personen ausgeführt, sondern von einem einzigen Mann. Dieser war nicht Soldat. Seine Waffe war eine Pistole. Der Bischof in Weiß wurde getötet, der Papst wurde nur schwer verwundet. Der Ort des Attentates war kein Berggipfel.

Kardinal Ratzinger macht aus dem Misslingen des Attentates eine "Erfüllung" der Vision und gibt zugleich die Schuld am Misslingen einem wunderbaren Eingreifen der Muttergottes, vielleicht auch deshalb, weil die Schüsse an einem 13. Mai abgefeuert worden sind. Er sagt: "Es war eine mütterliche Hand, die die Flugbahn der Kugel leitete und es dem Papst, der mit dem Tode rang, erlaubte, an der Schwelle des Todes stehen zu bleiben," -Der Kardinal irrt sich in der Zahl der abgegebenen Schüsse; es waren "drei oder vier, in schneller Reihenfolge", Die Folge war. "Der Papst ist von drei Schüssen in den Bauch, in den rechten Oberarm und in den Zeigefinger der linken Hand getroffen worden." Außer dem Papst wurden noch zwei amerikanische Frauen verletzt13.

Demnach hat die "mütterliche Hand" die Flugbahn mehrerer Kugeln "geleitet". Aber warum hat sie die Abgabe der Schüsse nicht verhindert? Bemerkenswerterweise hat sich auch der Attentäter auf ein übernatürliches Eingreifen berufen. Er hat geltend gemacht, dass seine Hand beim Attentat "von einer höheren Gewalt" geführt worden und "er selbst unschuldig sei"14

Bischof in Weiß = Papst:

Einige Wochen vor der Bekanntgabe des Dritten Geheimnisses begab sich Erzbischof Tarcisio Bertone im Auftrag des Papstes nach Portugal und führte in: Gegenwart des Bischofs von Leiria-Fatima ein Gespräch mit Schwester Lucia. Zu Beginn der Unterredung wurde der Text des Geheimnisses "gelesen und gedeutet". Die Bischöfe trugen Lucia vor, wie das Geheimnis zu deuten sei, nämlich als eine "prophetische Schau", die man mit den Schauungen "der heiligen Geschichte vergleichen" könne. Lucia betonte "ihre Oberzeugung, dass sich die Vision von Fatima vor allem auf den Kampf des atheistischen Kommunismus gegen die Kirche und die Christen bezieht", und sie beschrieb "das ungeheuere Leid der Opfer des Glaubens im zwanzigsten Jahrhundert". Auf die Frage, ob "die Hauptperson der Vision der Papst" sei, antwortete sie "sofort mit Ja und erinnerte daran, dass die drei Hirtenkinder sehr betrübt waren über das Leiden des Papstes". Dann versicherte sie: 'Wir wussten den Namen des Papstes nicht; ob es Benedikt XV. war oder Pius XII. oder Paul VI. oder Johannes Paul II, aber es war der Papst, der litt und auch uns leiden ließ." Im Gespräch mit Erzbischof Bertone führt Lucia zwar vier Päpste mit Namen an, aber sie betont, dass nur ein einziger Papst es war, der litt. Kardinal Ratzinger erweitert in seinem Kommentar den Kreis. Er sagt: "Im Kreuzweg eines Jahrhunderts spielt die Figur des Papstes eine besondere Rolle. In seinem mühsamen Hinaufsteigen auf den Berg dürfen wir ruhig mehrere Päpste zusammengefaßt finden, die von Pius X. angefangen bis zum jetzigen Papst die Leiden des Jahrhunderts mittrugen und in ihnen auf dem Weg zum Kreuz voranzugehen sich mühten." Aber die "zusammengefaßten Päpste" sind nicht ermordet worden!

Erinnern wir uns; dass nach Lucias Darstellung die drei Hirtenkinder von Fatima das ganze Große Geheimnis in seinen drei Teilen erfahren haben sollen. Bei der Verkündigung des Zweiten Geheimnisses soll die Muttergottes einmal den Ausdruck "Papst" und dreimal die Bezeichnung "Heiliger Vater" gebraucht haben. Sie soll vorausgesagt haben, dass ein "anderer, schlimmerer Krieg" beginnen werde, und zwar "unter Pius XI." Die Prophezeiung erwies sich schon aus dem Grund als falsch, weil der Zweite Weltkrieg nicht unter Pius XI. begann, sondern unter Pius XII. Aber abgesehen davon, Lucia hat auch versichert, damals im Jahr 1917 habe weder sie noch eines der beiden anderen Kinder eine Ahnung davon gehabt, was unter den Begriffen "Papst" und "Heiliger Vater" zu verstehen sei. Dies ist ja auch verständlich; denn Lucia war zur damaligen Zeit zehn Jahre alt, Francisco stand im Alter von neun und Jacinta im Alter von sieben Jahren; keines der drei Kinder verstand zu lesen oder zu schreiben.

Das "Große Geheimnis" enthält darüber hinaus eine Reihe von Begriffen, die den Kindern nicht bekannt gewesen sein konnten. So sollen sie zwar das Wort "Russland" gehört, aber keine Ahnung davon gehabt haben, was darunter zu verstehen sei. In der "Botschaft" kommt noch eine Reihe anderer, den Kindern völlig fremder Begriffe vor wie "Unbeflecktes Herz Mariens", "Pontifikat", "Sühnekommunion". All das soll Lucia gehört, nicht verstanden und trotzdem über Jahrzehnte hinweg treu in ihrem Gedächtnis behalten haben!

Deutung des "Dritten Geheimnisses" durch Kardinal Ratzinger:

Im Gespräch mit Erzbischof Bertone hat Schwester Lucia gesagt, die Deutung des "Dritten Geheimnisses von Fatima" stehe ihr nicht zu, dafür sei der Papst zuständig. Dieser hat die Aufgabe Kardinal Ratzinger übertragen, der dann die "schwer deutbare Symbolsprache" gedeutet hat. Im Blick auf die große Zahl von Opfern der Gewalt sagt er: "Man darf in diesem Bild die Geschichte eines ganzen Jahrhunderts abgebildet finden ...In der Schau können wir das abgelaufene Jahrhundert als das Jahrhundert der Martyrer, als Jahrhundert der Leiden und der Verfolgungen der Kirche, als Jahrhundert der Weltkriege und vieler lokaler Kriege erkennen, die die ganze zweite Hälfte des Jahrhunderts ausgefüllt und neue Formen der Grausamkeit hervorgebracht haben. Im 'Spiegel' dieser Vision sehen wir die Blutzeugen von Jahrhunderten vorüberziehen."

"Jahrhundert der Martyrer", "Jahrhundert der Weltkriege und vieler lokaler Kriege während der zweiten Hälfte des Jahrhunderts", "Blutzeugen von Jahrhunderten"' All das soll sich vor den geistigen Augen der Kinder abgespielt haben? Jacinta und Francisco haben von solchen Dingen nie gesprochen; Lucia hat sie erst vom Jahr 1941 an "geschaut". Betrachten wir das "mit Recht berühmt gewordene Stichwort des Geheimnisses". "Mein Unbeflecktes Herz wird siegen." Diesen Satz muss man im Zusammenhang mit der Drohung sehen, welche die Muttergottes am 13. Juli 1917 ausgesprochen haben soll. Gott werde "die Welt für ihre Missetaten .,. bestrafen", und mit dem Versprechen, sie selber werde "das verhüten". Was ist denn in Erfüllung gegangen? Wurde die Welt bestraft oder wurde die Strafe verhütet? Beides zugleich kann ja nicht eingetroffen sein.

Als Voraussetzung für das Verhüten gab die Muttergottes neben der Sühnekommunion an den ersten Samstagen der einzelnen Monate an, Russland müsse dem Unbefleckten Herzen Mariens geweiht werden; der Lohn dafür sollte sein: "Russland wird sich bekehren und es wird Friede sein." Sie drohte aber auch: Falls man nicht "auf ihre Stimme höre", würden die Strafgerichte weitergehen. Der Schluss von Mariens Rede lautet: "Am Ende wird mein Unbeflecktes Herz triumphieren; der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden."

Diese Worte soll Maria am 13. Juli 1917 gebraucht und mit dem Befehl beendet haben: "Das dürft ihr niemandem sagen." Was soll denn ein derartiges Verbot für einen Sinn haben?

Bekanntlich spielt das Thema Weihe Russlands eine große Rolle in dem 1941 von Lucia aufgezeichneten zweiten Teil des "Großen Geheimnisses", das sie bereits am 13. Juli 1917 erfahren haben will. Es ist zu beachten, dass das Thema Weihe Russlands schon vor 1941 aufgetaucht ist, Am 20. Mai 1930 schrieb Lucia an den Jesuiten Concalves: "Wenn ich mich nicht täusche, verspricht der gute Gott, die Verfolgung in Russland zu beenden, wenn der Heilige Vater einen feierlichen und öffentlichen Akt der Sühne und der Weihe Russlands an die heiligsten Herzen Jesu und Mariens durchzuführen sich herablassen und anordnen würde, dass in gleicher Weise die Bischöfe der katholischen Welt ihn machen sollten."

Das Thema Weihe Russlands bietet eine Reihe von Ungereimtheiten, auf die nur kurz hingewiesen sein soll. Besonders zu beachten ist, wie im Laufe der Jahre die jeweiligen Päpste auf Lucias Wunsch, "die Weltweihe mit ausdrücklicher Erwähnung Russlands" vorzunehmen, reagiert haben.

Mehr als zehn Jahre geschah von seiten Roms gar nichts. Erst vom Jahr 1942 an und dann zu wiederholten Malen bis zum Jahr 1984 wurde die Weihe vorgenommen, aber stets ohne die versprochene Wirkung. Lucia behauptete jedesmal, die Weihe sei nicht gültig gewesen. Dafür gab sie zwei Gründe an. bei der Weihe hätten sich nicht alle Bischöfe der Erde beteiligt und der Papst habe Russland nicht ausdrücklich genannt.

Die letzte Weilweihe hat Papst Johannes Paul II. am 25. März 1984 vorgenommen. Auch diesmal wurde die Forderung Lucias nicht erfüllt. Genauso wie früher hat sie auch diesmal die Weihe als ungültig erklärt. Im September 1985 sagte sie, dass die Weihe am 25. März 1984 nicht den Forderungen der Muttergottes entsprochen habe. Sie betonte ausdrücklich. "Die Bischöfe nahmen nicht teil und Russland wurde nicht genannt."

Aber, so muss man fragen, warum haben denn die Päpste Lucias bzw. Gottes Verlangen nicht erfüllt? Die Antwort liegt nahe: Die Weltweihe wurde wiederholt vorgenommen; wie wäre die Reaktion gewesen, wenn der Papst ausdrücklich Russland hervorgehoben hätte? Die zweite Bedingung, Beteiligung aller Bischöfe, wäre praktisch nicht durchführbar gewesen, selbst wenn alle Bischöfe einverstanden gewesen wären. Dazu kommt, dass Marianer immer wieder von Voraussetzungen gesprochen haben, die unerfüllbar waren. So hat Bischof Rudolf Graber einmal gesagt: "Die Voraussetzung für das Gelingen des Weiheaktes ist der unbeirrbare Glaube, dass durch solch eine Weihe wirklich eine Änderung der Krisensituation erreicht werden kann." Ein andermal hat er behauptet, Maria habe in Marienfried gesagt: "Ich verlange, dass die Welt die Weihe lebt."

Wie bereits erwähnt, hat die Seherin Lucia auch nach der letzten, im Jahr 1984 vorgenommenen Weihe versichert, der Weiheakt habe keine Gültigkeit. Doch dann trat etwas ein, womit man nicht gerechnet hatte: fm Jahr 1989 kam es zu einem allgemeinen Umbruch im "Ostblock". Sofort begannen die Marianer zu jubeln: Russland hat sich bekehrt! Wie reagierte nunmehr die Seherin Lucia? Sie hat sich sofort umgestellt und aus ihrem Gedächtnis getilgt, was sie Jahrzehnte hindurch ständig wiederholt hatte. Am 11. Oktober 1992 verkündete sie, "mehrere Päpste" hätten "diese Weihe vollzogen", die Weihen seien gültig gewesen. Zum Thema "Beteiligung aller Bischöfe" erklärte sie, Papst Johannes Paul II habe diese ja im Jahre 1983 "eingeladen".

Bedeutung des Geheimnisses:

Die letzte Frage, die Kardinal Ratzinger in seinem Kommentar aufwirft, lautet: "Was hat das Geheimnis von Fatima als ganzes (in seinen drei Teilen) zu bedeuten?" Er sagt: "Die Geschehnisse, auf die sich der dritte Teil des Geheimnisses bezieht", scheinen nunmehr "der Vergangenheit anzugehören". Dann fährt er fort: "Soweit einzelne Ereignisse dargestellt werden, gehören sie nun der Vergangenheit an." Erinnern wir uns an den letzten Satz des Zweiten Geheimnisses. "Der Heilige Vater wird mir Russland weihen, das sich bekehren wird, und der Welt wird eine Zeit des Friedens geschenkt werden." Bedeutet der Umbruch im "Ostblock" eine "Bekehrung Russlands"? In diesem Sinn haben jedenfalls nach dem Umbruch im Ostblock die "Gläubigen" allgemein gejubelt; später sind sie dann stiller geworden. Die Schlussfolgerung, Russland habe sich bekehrt, ist genauso zutreffend wie die Behauptung: Mit dem Kriegsende 1945 war die Nazi-Diktatur zu Ende - Deutschland hat sich bekehrt.

Von den "einzelnen Ereignissen", die im Geheimnis von Fatima dargestellt werden, sagt Ratzinger, sie gehörten der Vergangenheit an. Ganz gleich, ob man die "Bekehrung Russlands" und den versprochenen Frieden dem Begriff "Einzelereignisse" zuteilt oder nicht, die Frage ruft nach Beantwortung: Kann man den Zusammenbruch des Ostblocks als Bekehrung im religiösen Sinn bezeichnen und leben wir nunmehr in einer Zeit des Friedens? Oder gehört das auch bereits der Vergangenheit an?

Im "Kommentar zum Geheimnis von Fatima" gebraucht Kardinal Ratzinger zweimal den Begriff "Schlüsselwort". Als "Schlüsselwort des ersten und zweiten Geheimnisses" bezeichnet er den Begriff. "die Seelen retten"; als "Schlüsselwort des Dritten Geheimnisses" nennt er den "dreimaligen Ruf 'Penitenza, Penitenza, Penitenza' (Buße, Buße, Buße)!"

Diese Schlüsselworte hat er vor Augen, wenn er den tieferen Sinn des Geheimnisses erschließt. Er tut dies, indem er sagt: "Was bleibt, haben wir gleich zu Beginn unserer Überlegungen über den Text des Geheimnisses gesehen. die Führung zum Gebet als Weg zur 'Rettung der Seelen' und im gleichen Sinn der Hinweis auf Buße und Bekehrung." -Aber das sind doch Grundanliegen des Evangeliums. Braucht die Kirche, um das Selbstverständliche deutlich zu machen, den fragwürdigen Rummel von Fatima?

Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit:

Es wurde bereits eingangs erwähnt, wann und warum Schwester Lucia ihre Aufzeichnungen verfasst hat. Zu diesen gehört neben dem "Großen Geheimnis" das "Kleine Geheimnis", das auch als "Rest" bezeichnet wird. Das "Kleine Geheimnis" umfasst alles, "was Lucia als ausschließliche Gnade erschien". Dazu gehören die "Besuche des Engels in den Jahren 1915 und 1916" und vor allem "die Kommunion in Cabeco und das Versprechen völliger Opferbereitschaft schon bei den ersten Erscheinungen der Dame" sowie "die an Ekstase grenzenden Visionen vom 13. Mai und 13. Juni 1917"15.

Einen breiten Raum der Aufzeichnungen nehmen die Angaben über Jacinta und Francisco Martos und über ihre eigene Person, die sie mit besonders hellen Farben beleuchtet, ein. Lucias Veranlagung und ihre Rolle, die sie bereits in ihrer Kindheit spielen durfte, liefert den Schlüssel für die späteren Wundergeschichten. Vieles, was sie im Erscheinungsjahr 1917 und dann viele Jahre später zu berichten wusste, war zugrunde gelegt in ihrer offensichtlichen Neigung zum Fabulieren. Sie unterhielt ihre Zuhörer nicht nur mit von anderen gehörten, sondern auch von ihr selbst erfundenen Erzählungen. Zu der lebhaften Phantasie gesellte sich eine charismatische Fähigkeit, andere zu beeindrucken. So gelang es ihr sehr leicht, ihre beiden Verwandten Jacinta und Francisco derart zu induzieren, dass sie ebenfalls außergewöhnliche Erscheinungen bekamen. Nur sie allein führte mit den sich offenbarenden überirdischen Wesen Gespräche und gab gegebenenfalls die erhaltenen Mitteilungen oder Botschaften weiter, während die beiden Geschwister nur schweigend dabeistanden. Diese folgten den Anweisungen ihrer Kusine, wie sie es bereits früher gewohnt waren. Da Lucia im Jahr 1917 noch Analphabetin war, konnte sie die Berichte aus der Bibel und aus Heiligenlegenden nur von anderen, vielleicht von älteren Geschwistern, aber auch auf jeden Fall von ihrer Mutter erzählt bekommen haben. Auf diese Weise hat sie auch von den Marienerscheinungen in La Salette und Lourdes gehört. Es steht fest, dass die Mutter ihrer Tochter Lucia und deren Geschwistern vor dem Jahr 1917 von den Erscheinungen in La Salette erzählt hat.

Das Dritte Geheimnis gehört wie die anderen Geheimnisse und "wunderbaren" Vorgänge in Fatima zu den sogenannten Privatoffenbarungen, die bekanntlich von katholischen Gläubigen keine Beachtung erheischen. Welche Glaubwürdigkeit kommt ihnen zu? Kardinal Ratzinger verweist auf die Worte, die Jesus während seiner Abschiedsrede gesprochen hat: "Noch vieles hätte ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen. Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in die ganze Wahrheit einführen." - Aber eben das ist die große Frage: Hat in Fatima der Geist der Wahrheit gesprochen? Über die Aufgabe der Privatoffenbarungen sagt der Kardinal: Sie "sind nicht dazu da, die endgültige Offenbarung Christi zu vervollkommnen, sondern sollen helfen, in einem bestimmten Zeitalter tiefer in ihr zu leben". Weiter sagt er: "In den von der Kirche anerkannten Privatoffenbarungen - also auch in Fatima - geht es darum: uns die Zeichen der Zeit verstehen zu helfen und auf sie die richtige Antwort im Glauben zu geben." Die "richtige Antwort" kennen wir: Sie steckt im "Schlüsselwort des Dritten Geheimnisses": "Buße, Buße, Buße!" Mehr als siebzig Jahre lang hat die Welt gebetet und gebüßt. Es war nicht umsonst: Russland hat sich bekehrt und in der Welt herrscht seitdem eitel Friede. Wenigstens die Fatima-Freunde glauben es - vielleicht.


Anmerkungen

1 Vgl. Hanauer, Josef: "Muttergottes-Erscheinungen" -Tatsachen oder Täuschungen? Aachen 1996, S. 179-187.
2 Kondor, P. Luis. Schwester Lucia spricht über Fatima. Fatima 1975, S.9.
3 Fischer, Ludwig: Die Botschaft unserer lieben Frau von Fatima. Bamberg 1937, S. 46.
4 Baumann, Theodor S.J.. Die Geschichte des Geheimnisses von Fatima (Manuskript 1969), S. 4.
5 Rahner, Karl: Visionen und Prophezeiungen. Freiburg i.Br. 1958, Anm. 104.
6 Bote von Fatima. Abensberg, 13.11.1959, S. 2.
7 Ebd., S. 3f.
8 Erzbischof Tarcisio Bertone, in: Stimme der befreiten Kirche, Koblenz, Nr. 312000, S. 2.
9 Ebd.
10 Ebd.
11 Bote von Fatima, Abensberg, 13.11.1959,S.2.
12 Originaltext portugiesisch, dt. Übersetzung u. Kommentar in: O.R. 30. Juni 2000 (Internet), vgl. Bote von Fatima, August/September 2000.
13 Crista Kramer von Reisswitz: Das letzte Geheimnis von Fatima. Johannes Paul II. bricht das Schweigen. München 2000, S. 66.
14 Ebd., S. 69.
15 Barthas, C.: Fatima -Ein Wunder des zwanzigsten Jahrhunderts. Freiburg-Basel-Wien 1963, S 56f.


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Letzte Änderung: 3. September 2001